Autorenportrait Ulrich Karger

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Dicke Luft in Halbundhalb | Textprobe


Der Anfang von

DICKE LUFT IN HALBUNDHALB

Schulanfang in Halbundhalb*
Unser Dorf Halbundhalb war sehr klein und alle wussten vom anderen den Namen. Auf der einen Seite des Dorfplatzes wohnten zum Beispiel die Gähnlings, die Murmels und die Schnarchpfeifers. Gegenüber hatten die Hahnenschreis, die Wachsams und die Pünktlichs ihre Häuser.
Ich wohnte über dem Gasthaus "Zur weißen Wolke", das meinen Eltern gehörte. Von meinem Fenster aus konnte ich das Zimmerfenster von Juliane Frischauf sehen. Ihre Eltern hatten darunter einen Blumenladen. "Mit den frischesten Blumen des ganzen Dorfes", wie sie immer sagten.
Doch der Blumenladen Frischauf war der einzige Blumenladen in Halbundhalb, so wie unser Gasthaus "Zur weißen Wolke" das einzige Gasthaus war. Wie gesagt, Halbundhalb war ein sehr kleines Dorf, durch das sich ganz selten mal ein fremdes Fahrzeug verirrte.

Aber obwohl Halbundhalb ein kleines Dorf war und wir längst die Namen voneinander wussten, dauerte es ziemlich lange, bis Juliane und ich Freunde wurden. Da wir beide fast gleich alt waren - Juliane war nur zwei Tage älter als ich - besuchten wir gemeinsam die erste Klasse unserer Schule. Die Schule lag außerhalb von Halbundhalb und war auch ziemlich genau gleich weit von vier anderen Dörfern entfernt.
Wir alle mussten jeden Tag ein ganzes Stück laufen, um die Schule zu erreichen.
Morgens fand ich den Weg immer viel zu lang, aber nach der Schule ließ es sich auf ihm ganz gemütlich nach Hause spazieren. Sehr selten, dass ein Auto mich zur Vorsicht zwang, und vor der Dunkelheit hatte ich keine Angst.
Juliane war da anders. Sie war immer eine der ersten in der Schule und lief auch immer als erste aus der Schule hinaus, um zum Mittagessen pünktlich zu Hause zu sein.
Eine ganze Weile gingen Juliane und ich also jeder für sich allein zur Schule. Man hätte denken können, wir kämen aus zwei verschiedenen Dörfern. Ich erinnere mich noch sehr gut an unseren ersten Schultag. Unsere Lehrerin Frau Köstlich fragte alle Kinder nach ihrem Namen und wo sie wohnten.

"Ich heiße Juliane Frischauf und komme aus Halbundhalb", sagte Juliane.
"Von der Morgenseite oder von der Abendseite?", fragte die Lehrerin nach
"Von der Morgenseite!", bekräftigte Juliane stolz. Etwas später wurde ich aufgeschreckt.
"Na, du bist doch der Malte Wolke, oder?"
"J-j-ja", sagte ich, "und ich wohne in Halbundhalb über dem Gasthaus éZur weißen Wolke'."
"Na, ich glaube, ich brauche dich gar nicht fragen, auf welcher Seite des Dorfplatzes euer Gasthaus steht - auf der Abendseite, stimmt's?"
"Stimmt!", sagte ich und wunderte mich, wie die Lehrerin das erraten hatte.

Am ersten Schultag waren wir nur ganz kurz in der Schule. Wir malten ein Bild und spielten ein Spiel, was mir beides viel Spaß machte.
Draußen warteten unsere Eltern mit den Schultüten. Meine Eltern fand ich sofort wieder. Sie saßen etwas abseits und hatten die Augen zu. Sie waren sehr müde. Trotzdem hatten sie es sich nicht nehmen lassen, mich am ersten Schultag zu begleiten.
Dass mein Papa statt einer Jacke den Bademantel übergezogen hatte und Mamas Füße in Hausschuhen steckten, störte mich nicht. Nur die anderen Leute kuckten so komisch.
*(Im Gegensatz zur Erstausgabe von 1994 folgt der Text der Taschenbuchausgabe von 2011 wie hier der "Neuen Rechtschreibregelung" und wurde auch inhaltlich leicht überarbeitet.)






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