Autorenportrait Ulrich Karger

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Kindskopf - Eine Heimsuchung | Textprobe


Der Anfang von

Kindskopf - Eine Heimsuchung


"Mensch Jonas, nun komm doch."

Aber Jonas Brandeiser griff sich den Schlüsselbund und schlug die Tür hinter sich zu. Nichts hat er gesagt. Nichts Versöhnliches und erst recht nichts Liebevolles. Nur wenig vorher hätte er sich lieber den Mund fusselig geredet, als wortlos die Tür hinter sich zuzuschlagen. Allein schon der Gedanke, im Streit auseinanderzugehen, beschwor in ihm ein: Gerade dieser Abschied könnte der letzte voneinander sein. Und träfe dann nicht ihn, sondern sie der berüchtigte Ziegelstein, wäre er seinen Lebensrest mit diesem Abschied allein. Im Wachen und im Träumen. Auch wenn Gisela angefangen hätte. Die insgeheim bereits eingestandenen, vorerst noch klein gehaltenen eigenen Auslöseranteile nagten ja doch längst an ihm. Und wer wußte schon, ob sich da bei ihr nicht etwas aufstaute, was bald nach endgültigen Konsequenzen schrie.

Ein Kind. Gisela wollte in diese übervölkerte Welt ein weiteres Kind gebären. Und er sollte der Erzeuger und Vater dieses Kindes sein. Seine ausufernden Universitätsstudien hatten zwar lediglich in die Karriere eines Taxifahrers gemündet, aber eines war ihm schon im ersten Soziologiesemester klargeworden: Nicht lange, und alles endet in einem großen Knall. Sind es nicht die Atombomben, ist es die Luftverschmutzung und ist es die nicht, reicht allein der Gedanke an die sich vervielfachende Weltbevölkerung, um sich die nähere Zukunft als Schreckensbild von Hieronymus Bosch auszumalen.

Wie Gisela das einfach wegschieben und dabei so ein allwissend seliges Lächeln aufsetzen konnte. Das war ihm völlig schleierhaft. Und es hatte ihn wie kaum etwas zuvor wütend gemacht. Unlängst war sich Gisela noch sicher „Es ist auch schön mit uns beiden allein”, und jetzt dieser Umschwung, noch dazu in einer Tonlage, als wäre da nicht vielleicht doch ein klitzekleiner Widerspruch zu verhandeln. Am meisten regte ihn die Vorstellung auf, daß Gisela nach wie vor lächelte und sich womöglich nicht einmal über seinen Abgang wunderte. Nach dem Motto: Ich bin nun Teil von etwas weit Größerem, nämlich eines wahrhaftigen Wunders - wozu sich da noch über Wunderliches wundern? Soll sich mein Jonas ruhig die Wagenschlüssel schnappen und versuchen, mit seiner alten Karre außer Reichweite zu gelangen. Das ist nicht lächerlich, aber durchaus ein weiterer Grund zu lächeln - und heute nacht kommt er sowieso nicht weit.

Ein anderer, längerer Auszug daraus ist nachzulesen als leicht veränderter Anthologiebeitrag mit dem Titel "Das Kind im toten Mann" in Ran an'n Sarg und mitjeweent (Herausgeber: Horst Bosetzky und VS Berlin, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2010, >>> Amazon)






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