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buechernachlese.de
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In Frankfurt am Main wird für ein reibungsloses Funktionieren der privatisierten Infrastruktur durch ein künstliches neuronales Netzwerk (KNN) gesorgt. Einrichtungen wie Polizei, Transport und Stadtverwaltung sind somit Teil eines Hirn-Stadt-Interface, das wiederum dank entsprechend implantierter Chips eine intuitive Interaktion mit Gebäuden, Straßen und Transportsystemen der Stadt ermöglicht – mehr Service können Frankfurts Bürger doch gar nicht erwarten, oder?
Doch als ein obdachloser Teenager stirbt, machen sich eine Coderin und ein Bot auf die Suche nach der Ursache für seinen Tod und stoßen dabei auf Ungereimtheiten und erste Widerstände – und dann schaltet sich auch noch das Militär ein …
Aiki Mira ist mit „Denial of Service“ als non-binäre Person Autorx ihres 5. Romans, der als Science-Fiction-Thriller beworben wird. Doch auf der Grundlage von Lesegewohnheiten und Kenntnissen eines älteren Cis-Manns kann ich dieses Etikett nur sehr bedingt nachvollziehen. So tauchen zwar Begriffe wie Kryptokapitalismus auf, die das übliche soziologische Gefälle an konkurrierenden oder/und auszuschaltenden Interessen anklingen lassen, aber da hier nicht einfach nur Menschen mit mehreren Geschlechtern ohne weitere Selbstbezeichnung interagieren, sondern auch KI gesteuerte (oder/und auch von Coder gesteuerte?) Bots, erschließt sich hier kein Handlungsmuster oder auch nur eine Abweichung davon oder auch nur die Funktionen oder/und Zuordnung der Handelnden, wie es der Einfachheit halber in Genres wie SF oder Thriller oder Science-Fiction-Thriller bislang üblich war.
Und trotzdem werden viele - wie ich! - dieses Buch nicht einfach enttäuscht in die Ecke schmeißen. Denn die hier zum Ausdruck gebrachte mehrstimmige Komplexität einer Gesellschaft, die ihre Handlungsträger:innen eben per se nicht gendermäßig vereinfacht, hält bis zuletzt neugierig – sagen wir stark verkürzt, wie das Grundrauschen in einem Café oder einem Flughafen, in dem man bei einem Getränk sitzt, aber, es ist ja SF, unsichtbar immer wieder dicht an eine Gesprächsgruppe geschoben wird, um deren Dialoge ein kleines Kapitel lang zu lauschen, bis die Leserschaft an den nächsten Tisch geschoben wird. Das regt immer wieder aufs Neue da Kopfkino an, ohne dass das – zumindest bei mir – sich in irgendwelche wirklich nachvollziehbaren Handlungsstränge übersetzen ließe. Bin ich also gescheitert? Zum Teil gewiss, aber m.E. eben nur zum Teil – und das ist so oder so mein gutes Recht!
Für alle, die sich trotzdem oder gerade deswegen darauf einlassen mögen und können, also gewiss ein Leseabenteuer …