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Charlie Gordon ist mit seinen 32 Jahren geistig zurückgeblieben und wird dennoch schon bald in der Lage sein, seine eigene Lebenssituation zu analysieren, darüber Fachreferate zu verfassen und u.a. auch noch in kürzester Zeit unterschiedlichste Fachliteratur in deren Originalsprachen zu lesen .. und zu verstehen. Ausgelöst wird diese dramatische Änderung seiner Lebensumstände durch einen neurochirurgischen Eingriff am Gehirn, der zuvor bereits ganz ähnlich an einer Maus namens Algernon durchgeführt wurde. Doch dann beginnt Algernon nach und nach all seine gemachten Fortschritte wieder zu verlieren und Charlie weiß, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch er all seine Kenntnisse von der Welt wieder verliert …
„Blumen für Algernon“ von Daniel Keyes war im Original erst der Titel einer Kurzgeschichte von 1959, die er dann 1966 zu einem Roman entwickelte. Kurzgeschichte und Roman wurden seinerzeit beide mit dem Nebula Award als einem der höchsten Preise der SF-Literatur ausgezeichnet. Längst ein Klassiker, der sich weltweit in 27 Sprachen übersetzt millionenfach verkauft hat, liegt der Roman nun in einer Taschenbuch-Neuausgabe bzw. sogar in einer „limitierten Erstauflage mit gestaltetem Buchschnitt“ vor. Zudem wurde die Übersetzung von Eva-Maria Burgner auf der Grundlage der Originalausgabe von 1966 noch einmal durchgesehen.
Und tatsächlich vermag einen diese Geschichte von Charlie Gordon noch heute in den Bann zu ziehen. Weniger allerdings wegen der hier behaupteten (operations-)technischen Errungenschaften am Gehirn, wiewohl sie ja weltweit für Furore sorgen sollte. Das eigentliche Science-Fiction-Abenteuer zeigt sich vielmehr in der unmittelbar nachvollziehbaren Reise durch die Innenwelt des Protagonisten und die nicht nur für die damalige Zeit sehr treffenden Beschreibungen dessen, wie besagte Innenwelt auf die Außenwelt trifft bzw. wie Menschen auf andere mit anderen geistigen Voraussetzungen reagieren. Und diese anderen geistigen Voraussetzungen meinen nicht nur die mit Einschränkungen, sondern auch jene, die die meisten überflügeln. Sich nicht verstanden zu fühlen, teilen beide Extreme. Aber dann erkennt Charlie auch noch, dass die Professoren ihn weder vor noch nach seiner Behandlung überhaupt als Menschen wahrgenommen und wertgeschätzt haben – es kommt ihnen lediglich auf die Untersuchungsergebnisse an, die sie wie eine Jahrmarktsattraktiom auf einem Fachkongress vorstellen wollen …
Manche zeitbezogenen Nebengeräusche, wie die tradierte Sicht auf Frauen und Männer, wurden von dem Autor zwar nicht komplett aber doch schon ansatzweise gesellschaftskritisch unterlaufen. Auch zur Sexualität von Charlie findet Keyes bereits einen vergleichsweise erfrischend unverkrampften Ton, der ohne je ins pornografische abzugleiten, sehr pointiert dessen Probleme auf den Punkt bringt.
Besonders bemerkenswert ist aber auch rein formal die Entfaltung seines Plots, indem Keyes von Anfang bis Ende Charlie während seiner zehnmonatigen Behandlung aus der Ich-Perspektive erzählen bzw. von ihm selbst die abgeforderten Fortschrittsberichten niederschreiben lässt.
Und hier sind Keyes nicht zuletzt auch die Übergänge von der Schreibweise eines Lernbehinderten zum sich immer besser ausdrückenden Erkunder seines Selbst so beeindruckend wie in ihrer Subtilität überzeugend gelungen.
Wer Blumen für Algernon zuvor noch nicht gelesen hat, sollte es jetzt tun – denn die Grenzen, an die Charlie stößt, sind zugleich ein Spiegel der Gesellschaft.
Leider auf erschreckende Weise auch heutzutage wieder …